03.03.2010, Frankfurt a.M.
Jede werdende Mutter hofft, dass die Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft und ihr Kind gesund zur Welt kommt. Groß kann deshalb die Angst sein, wenn der Arzt eine Risikoschwangerschaft feststellt.
„Für viele Schwangere ist es ein Schock, aus ihrer bis dato unbelasteten Schwangerschaft mit einer Risikosituation konfrontiert zu werden, die unter Umständen mit einem längeren stationären Klinikaufenthalt verbunden ist. Die Unsicherheiten bezüglich der kindlichen oder mütterlichen Prognose sind extrem angstbelastet“, weiß Dr. med. Ivonne Bedei, Oberärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Frankfurt Höchst. Doch bestehe durch die aktuellen medizinischen Möglichkeiten nicht unbedingt Grund zur Panik. „Im Klinikum Frankfurt Höchst, einem Perinatalzentrum Level 1, können von medizinischer Seite her sämtliche Schwangerschaftsrisiken betreut und behandelt werden“, so die Gynäkologin. Allein die gute medizinische Versorgung kann die extreme Anspannungs- und Streßsituation der werdenden Mutter nicht immer vollends lindern. Das Klinikum Frankfurt Höchst bietet deshalb seit dem Jahr 2003 stationär aufgenommen Risikoschwangeren neben intensiver Vorsorge und Überwachung die Möglichkeit einer kunsttherapeutischen Begleitung, die mittlerweile auch interdisziplinär fest etabliert ist. Eine Risikoschwangerschaft liegt dann vor, wenn die Gefahr besteht, dass es während der Schwangerschaft oder Geburt zu Komplikationen kommt oder das Risiko für eine Störung des Kindes erhöht ist, z.B. durch Frühgeburtlichkeit, Gestationsdiabetes, höhergradige Mehrlingsschwangerschaften oder eine belastete geburtshilfliche Vorgeschichte.
Zur Kunsttherapie
Je nach individueller Situation finden im Rahmen der Kunsttherapie mehrere Sitzungen pro Woche statt. „Der gestalterische Ausdruck und begleitende Gespräche schaffen Entlastung, bringen Entspannung, führen zu Stressabbau, Ängste können bearbeitet werden“, unterstreicht Dr. Petra Saltuari, Kunstpädagogin und Kunsttherapeutin am Klinikum Frankfurt Höchst. Ihre Erfahrung: Die Patientinnen fühlten sich mit Unterstützung der Kunsttherapie persönlich entlastet, konnten sich mit einem längeren stationären Aufenthalt besser arrangieren, waren zeitweise abgelenkt von ständigen Sorgen und Ängsten und gelangten von der passiven Haltung im Krankenbett hin zur Aktivität in der kunsttherapeutischen Gestaltung. Diese spezielle Form der Kunsttherapie in der Geburtshilfe richtet sich an Frauen, die in der Schwangerschaft lange liegen müssen und sich nicht bewegen dürfen, die eine Frühgeburt hatten, deren Kind in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin liegt oder die gar eine Totgeburt erlitten haben. Die Kunsttherapie findet direkt am Bett statt, wenn die Frauen nicht aufstehen dürfen. Sind sie in einem Mehrbettzimmer untergebracht, werden sie mit dem Rollstuhl oder Bett in einen separaten Raum gefahren. Die Kunsttherapie am Krankenbett wird hauptsächlich mit einfach zu verwendenden Materialien angeboten, d.h. einem Block und Wachskreiden, eventuell Collagen-Material wie Zeitschriften, Fotos. Entspannung durch Atemübungen und Phantasiereisen sowie Gespräche unterstützen den kreativen Prozess. Die Lust am Tun steht dabei im Vordergrund. „Es geht nicht darum, explizit Kunst zu machen, sondern der Kreativität freien Lauf zu lassen und sich dadurch selbst zu begegnen. Die entstandenen Werke können Ausgangspunkt für ein Gespräch sein, müssen es aber nicht“, so die Kunsttherapeutin. Entspannung durch Phantasiereisen oder progressive Muskelentspannung und Atemübungen sind ein relativ fester Bestandteil der Stunden.
Ein Fallbeispiel
Frau A. ist zum Zeitpunkt der Kunsttherapie 26 Jahre alt und Studentin. Zu Beginn der gemeinsamen Treffen lag sie bereits sechs Wochen in der Klinik mit geöffnetem Muttermund bei vorzeitigen Wehen. Der Zeitraum der gemeinsamen Treffen umfasste insgesamt sechs Wochen. Frau A. konnte kurz vor dem errechneten Geburtstermin von einem gesunden Kind entbunden werden. Bei ihr stellte eher der Klinikaufenthalt die Belastung/Krise dar, im geringeren Ausmaß die Angst um das Kind. Im Rahmen der Kunsttherapie konnte sie sich von dem Alltagsstress in der Klinik ablenken und sich sowohl im Gespräch als auch im gestalterischen Ausdruck entlasten. Dieser Stress bestand darin, dass sie nicht aufstehen durfte, wochenlang an einem nicht-privaten Ort ausharren musste und sich vom Klinikpersonal sehr abhängig fühlte. Darüber hinaus konnte Frau A.. vergangene belastende Ereignisse teilweise bearbeiten. Ein traumatisches Erlebnis, der Spätabort ihres ersten Kindes, wurde zwar kurz thematisiert, aber unter den gegebenen Umständen nicht weiter bearbeitet, weil es für Frau A. zu belastend war. Dies hätte ihre innere Stabilität möglicherweise ins Wanken gebracht. Zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft war es für die Patientin wichtig, ihre Ausgeglichenheit aufrechtzuerhalten.
Ein weiteres Thema innerhalb der Kunsttherapie war die Angst vor der bevorstehenden Entbindung und den damit verbundenen Schmerzen. Im Rahmen der Kunsttherapie konnte Frau A. sich damit zunehmend auseinandersetzen. Durch die Therapie gelang es ihr, einen Umgang mit ihren Ängsten zu finden und die Entbindung nach ihren Wünschen zu gestalten (geplanter Kaiserschnitt). Auch das trug wiederum zu einer Gelassenheit und somit zu einer Steigerung der inneren Stabilität bei. Frau A. zeigte sich sowohl vor als auch nach der Geburt erleichtert und mit ihrer Entscheidung zufrieden“, erläutert Petra Saltuari.
Das kunsttherapeutische Angebot am Klinikum Frankfurt Höchst richtet sich aber nicht nur an Risikoschwangere, sondern auch an Schwangere und Mütter mit psychischen Belastungen wie peri- oder postpartale Depressionen, also Depressionen, die über den so genannten Baby Blues hinausgehen. Seit zehn Jahren betreut die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – Psychosomatik betroffene Mütter gemeinsam mit ihren Kindern im Rahmen der Mutter-Kind-Therapien, pro Jahr etwa 30 Mutter-Kind Therapien. Die Behandlungsdauer liegt zwischen vier bis acht Wochen. Bei Bedarf können auch Vater-Kind-Behandlungen durchgeführt werden. „Unsere Behandlungserfahrungen bei Wochenbettdepressionen in der stationären Mutter-Kind-Therapie zeigen, dass nach einem stationären Aufenthalt die meisten Mütter wieder in der Lage sind, ihre Kinder selbstständig zu versorgen. Darüber hinaus lassen sich Lebensqualität der betroffenen Mütter und deren Partner erheblich steigern“, so die Schilderung von PD Dr. med. Michael Grube, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie - Psychosomatik am Klinikum Frankfurt Höchst zu den Effekten der stationären Mutter-Kind Behandlung. Gründe für diese Art der Erkrankung sieht der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie - Psychosomatik u.a. in den postpartal einsetzenden hormonellen Änderungen, den veränderten familiären Anforderungen, der erhöhten Verantwortung und den oft hohen Erwartungen der Mütter an sich selbst. Zur Behandlung gehört die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung der Mutter in Einzel- oder Gruppenpsychotherapie mit individueller Psychopharmakotherapie. Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Einbeziehung und Förderung der Mutter-Kind-Beziehung z.B. durch Babymassage oder Mütterkunsttherapie.
Mit 1900 Geburten gehört die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Klinikums Frankfurt Höchst zu den großen Geburtskliniken in Deutschland. Die Klinik bietet das gesamte Spektrum moderner Geburtsmedizin an. Zusammen mit anderen spezialisierten Abteilungen des Klinikums (Klinik für Kinder- und Jugendmedizin mit Neugeborenenintensivstation, Kinderchirurgie, Kinderradiologie) ist die Geburtshilfe als Perinatalzentrum Level I (höchste Versorgungsstufe) anerkannt. Rund um die Uhr sind mindestens zwei bis drei Hebammen und drei Geburtshelfer/innen anwesend. Von den fünf Kreißsälen sind drei mit bequemen und breiten Entbindungsbetten, einer mit einer großen Entbindungslandschaft sowie einer mit einer Entbindungswanne ausgestattet. Selbstverständlich stehen auch ein Gebärstuhl, eine Sprossenwand und Pezzi-Bälle zur Verfügung. Ein umfassendes Elternschulprogramm rundet das Angebot für Schwangere, aber auch für Wöchnerinnen und junge Familien ab.
Fortbildungsveranstaltung für Hebammen, Gynäkologen und Psychologen
Am Freitag, 5. März 2010, findet ab 19.30 Uhr unter Federführung der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Gemeinschaftsraum des Klinikums Frankfurt Höchst eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema "Schwangerschaft, Psyche und Kunst: Besondere Angebote für Schwangere und junge Mütter in Risikosituationen und mit psychischen Erkrankungen“ mit Kreißsaalführung statt, an der neben der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – Psychosomatik auch die Frankfurter Selbsthilfegruppe Blues Sisters beteiligt ist. Die Veranstaltung richtet sich an Hebammen, Gynäkologen, Psychologen. Themen sind Kunsttherapie mit Risikoschwangeren sowie Mutter-Kind-Behandlung bei postpartalen psychischen Störungen. Informationen über Kunst runden die Veranstaltung ab.
Das Klinikum Frankfurt Höchst ist eine Einrichtung der höchsten Versorgungsstufe und Akademisches Lehrkrankenhaus der Johann Wolfgang Goethe Universität mit 17 Kliniken (986 Betten vollstationär, 44 tagesklinische Plätze), drei Zentralinstituten, dem MVZ sowie Krankenpflegeschulen und Schulen für nichtärztliche medizinische Fachberufe. 2.200 Beschäftigte versorgen jährlich 33.500 stationäre und 70.000 ambulante Patienten aus einem weiten Einzugsgebiet. Als Gesellschaft des privaten Rechts (GmbH) befindet sich das Klinikum in vollständiger kommunaler Trägerschaft. Ein Ersatzneubau wird bis 2015 errichtet.
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